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Berlins trauriger Rekord: 230 antisemitische Vorfälle in einem Monat

Seit Wochen mehren sich in Berlin die antisemitischen Angriffe. Eine erste Statistik zeigt nun, wie bedrohlich die Situation derzeit ist.

Berlin
© IMAGO/IPON

Bundesbeauftragter: Judenhass so stark wie seit Jahrzehnten nicht

Der Hass gegen Juden in Deutschland ist laut dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, auf einem so hohen Niveau wie seit Jahrzehnten nicht. Seit dem 7. Oktober wurden mindestens 2000 Straftaten im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt gezählt, sagte Klein in Berlin.

Der Krieg zwischen der Hamas und Israel ist eigentlich mehrere tausend Kilometer entfernt – doch der dadurch aufkeimende Antisemitismus in der Hauptstadt macht ihn auch hier deutlich spürbar. Wie der Tagesspiegel berichtet, ist „seit dem Überfall der Hamas auf Israel die Zahl antisemitischer Vorfälle in Berlin extrem gestiegen.“

Das geht aus Zahlen der Recherchere- und Informationsstelle Antisemitimus (Rias) hervor. Sie veröffentlichte am Dienstag (28. November) eine Statistik, die gerade in einer Stadt mit einer solchen Geschichte wie Berlin für stockenden Atem sorgt.

Starker Anstieg der antisemitischen Handlungen in Berlin

So seien allein „im Oktober 2023 so viele antisemitische Vorfälle dokumentiert worden wie nie zuvor.“ Insgesamt waren es 230 Fälle. Wie die Rias berichtet, seien das „mehr als in jedem anderen Monat seit Beginn der Dokumentation in Berlin im Jahr 2015.“ Dabei ist noch nicht die weitaus höhere Dunkelziffer mit einberechnet. „Rias seien mittlerweile zahlreiche weitere Vorfälle gemeldet worden, die sie noch nicht hätte verifizieren können“, heißt es im Bericht des „Tagesspiegels.“


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Direkt mit Beginn des Angriffs der Hamas aus Israel am 7. Oktober sind die „antisemitischen Handlungen in Berlin sprunghaft angestiegen.“ Ein Abwärtstrend ist seither nicht erkennbar – im Gegenteil. Alle Berliner Bezirke sind betroffen und auch nahezu alle nur vorstellbaren öffentlichen Plätze. Dazu zählen das Wohnumfeld von Jüdinnen und Juden, der Arbeitsplatz, Bildungseinrichtungen wie Schulen und Unis, öffentliche Verkehrsmittel, Geschäfte, soziale Medien und Chat-Gruppen.

Juden verstecken aus Angst ihre Identität

Allen voran fällt dabei wahrscheinlich vielen Berliner als Erstes der versuchte Brandanschlag auf die Synagoge in Mitte ein. Er „hat zu einer enormen Erschütterung des Sicherheitsgefühls in den jüdischen und israelischen Gemeinschaften geführt“, schreibt Rias in ihrem Bericht. Doch auch das Beschmieren von Häusern mit einem Davidstern mehrt sich in den vergangenen Wochen. Allein diese Art des Antisemitismus wurde 14 Mal dokumentiert.

Für Jüdinnen und Juden hat das direkte Folgen für ihr Privatleben. Sie „verstecken seit dem 7. Oktober noch mehr als zuvor jüdische Zeichen und Symbole“, heißt es bei Rias. Die Kippah wird von vielen nur noch unter einer Mütze getragen, auch auf das Hebräisch-Sprechen verzichten viele in der Öffentlichkeit. Ruth Hatlapa, Projektreferentin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, fordert deshalb von der Zivilbevölkerung, „Betroffene von Antisemitismus nicht allein zu lassen, gerade auch in Situationen des Alltags.“

Politik kündigt Maßnahmen an

Für Vertreter von CDU, SPD und Linke besteht jetzt deutlicher Handlungsbedarf. Timur Husein (CDU) „kündigte zusätzliche finanzielle Unterstützung für Antisemitismusprävention, jüdische Projekte und die Sicherheit jüdischer Einrichtungen in Höhe von insgesamt 20 Millionen Euro an“, so der „Tagesspiegel.“ Zugleich soll „eine überparteiliche und unabhängige Enquete-Kommission für gesellschaftlichen Zusammenhalt, gegen Antisemitismus, Rassismus, Islamfeindlichkeit und jede Form von Diskriminierung“ eingesetzt werden.


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Orkan Özdemir von der SPD möchte zusätzlich, dass die „Polizei und Staatsanwaltschaft in entsprechenden Themenfeldern“ fortgebildet wird. „Das ,Nie Wieder!´soll strukturell in unserer Stadtgesellschaft verankert werden“, erklärt er. Das Unsicherheitsgefühl für Juden müsse enden. Auch die Linke will den Rücken stärken. Niklas Schrader sagte gegenüber dem „Tagesspiegel“: „Wir stehen solidarisch an der Seite aller Menschen, die davon bedroht sind und in Angst leben müssen. Das dürfen wir niemals akzeptieren.“

Nicht nur Berlin verzeichnet einen massiven Anstieg der antisemitischen Vorfälle, die ganze Bundesrepublik ist betroffen. „Bundesweit hätten die Rias-Meldestellen bis zum 9. November 994 antisemitische Vorfälle mit Bezug zu den Massakern der Hamas dokumentiert, teilte der Verein mit.“ Das ist eine Erhöhung „um 320 Prozent zum Jahresdurchschnitt im vergangenen Jahr.“ Insgesamt seien es derzeit täglich 29 Vorfälle.