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Flucht aus der Ukraine: Hanna (43) wollte nur noch sterben – „Hoffentlich sind wir sofort tot“

Was eine Familie vor ihrer Flucht aus der Ukraine durchmachte, ist wirklich kaum zu fassen. Eine Frau äußerte einen grausamen Wunsch.

© Charmaine Fischer / DER WESTEN

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Das Leben von Witalij (damals 39), Hanna (damals 43), Wladyslaw (damals 13) und Anna (damals 28) änderte sich auf dramatische Weise, als die Russen den Angriffskrieg auf die Ukraine starteten. Ehe die Familie die Flucht antrat, lebte sie in Mariupol. Die Hafenstadt war einer der ersten Orte, der von den Russen angegriffen wurde. In Teil 1 unserer Reportage-Reihe schilderte die Familie bereits, wie sie sich ohne Strom, Wasser und Gas bei eiskalten Temperaturen durchschlug (hier geht es zum Artikel).

Trotz all der schlimmen Umstände ging das Leben der Familie weiter. Irgendwie. Die Bomben und Schüsse waren stets präsent. Die vier lebten im neunten Stock eines Hochhauses. Besonders nachts konnten sie die vom Himmel fallenden Bomben gut beobachten. Die Beschüsse und Angriffe auf ihre Stadt wurden mit der Zeit immer heftiger, wie die Familie berichtet. Inzwischen waren auch Panzer nach Mariupol durchgedrungen.

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Niemand glaubte mehr ans Überleben

Die Familie lebte in Todesangst. Statt im Keller versteckten sie sich zu viert im Badezimmer, wohlwissend, dass sie dort im Fall eines Bombeneinschlags erst recht keine Chance hätten. „Eigentlich sind wir nicht gläubig. Ich habe in dem Moment aber einfach gebetet und gesagt: ‚Hoffentlich sind wir sofort tot, wenn wir dran sind.‘ Das war mein einziger Wunsch“, schildert Hanna ihre dramatischen Gedanken. So richtig ans Überleben glaubte in diesem Moment niemand mehr. „Wir hofften einfach, dass es kurz und schmerzlos wird und es mit uns allen gleichzeitig zu Ende geht.“

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Hanna, Witalij, Wladyslaw und Anna mussten aus der Ukraine flüchten. Credit: Charmaine Fischer / DER WESTEN

Wie „Hasen bei der Jagd“ hätten sie sich gefühlt. Immer wieder und vor allem in der Nacht hätten sie Flugzeuge am Himmel gesehen. Eines Tages ging Witalij ans Fenster des Hochhauses – und genau in diesem Moment schlug eine Bombe im Nachbarhaus ein. Das Dach flog auseinander. Auch im Haus der Familie bekam eine Fensterscheibe aufgrund der Druckwelle einen Riss. Sie haben das Gefühl gehabt, dass die Bomben mit der Zeit immer bedrohlicher wurden. Auch die Abstände zwischen den blutrünstigen Attacken seien laut der Familie immer geringer geworden. „Sogar mir als gestandener Mann haben einfach nur noch die Knie versagt“, gibt Witalij zu.


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Kind musste schreckliche Beobachtungen machen

Sie haben Menschen sterben gesehen. Auch Wladyslaw musste mit seinen damals gerade 13 Jahren bereits schreckliche Beobachtungen machen. „Die Menschen waren draußen, wollten sich eigentlich nur etwas zum Essen vorbereiten. Sie wurden von Bombensplittern getroffen und sind dann gestorben“, schildert der junge Ukrainer. Man mag sich kaum ausmalen, was solche Beobachtungen mit einem Kind machen.

Inzwischen ging auch niemand aus der Familie mehr arbeiten. Das normale Leben war endgültig Geschichte. Langsam aber sicher wuchs die schmerzhafte Erkenntnis: Wir müssen hier weg! Am 17. März 2022 zogen die vier zu den Eltern von Hanna. Sie wohnten in einem Stadtteil von Mariupol, der unter weniger Beschuss durch die Russen stand.


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Nur das Wichtigste kam mit

„Wir haben wirklich nur das Nötigste mitgenommen, Essen und unsere Unterlagen – und das, was wir am Leib hatten. Anna ist sogar später in Deutschland mit Stöckelschuhen angekommen.“ Die Familie hatte Glück: Von ihrem Auto war lediglich eine Scheibe beschädigt. Also fuhren sie zu Hannas Eltern.

Warum die Familie die Entscheidung gerade noch rechtzeitig getroffen hat und was mit ihrer Wohnung kurze Zeit später passiert ist, liest du am Freitag (23. Februar) in Teil 3 unserer Reportage-Reihe. Folge uns auf Facebook oder Instagram, um keinen Teil zu verpassen.